An den internationalen Anleihenmärkten (Bond-Märkte) geraten fast alle Staatsanleihen unter Verkaufsdruck, vor allem US-Treasuries. Wenn das Angebot der Staaten an neuen Anleihen aufgrund wachsender Haushaltsdefizite und Prolongationen von Altanleihen zunimmt, gleichzeitig aber die Nachfrage vor allem Institutioneller Anleger zurückgeht, dann sinken die Anleihenkurse an den Börsen.
Sinkende Kurse bedeuten aber gleichzeitig steigende Renditen bzw. Zinssätze, die das zunehmende Misstrauen der Investoren und die dafür als Kompensation nötigen Risiko- und Inflationsprämien widerspiegeln. Und steigende Zinssätze wirken in unserer extrem verschuldeten Welt toxisch. Das wird gerne von den Befürwortern des Schuldenmachens, meist aus dem linken Spektrum, verschwiegen. Geld wächst eben nicht auf den Bäumen. Daher ist es wichtig, sich die ökonomischen Effekte immer wieder klar zu machen.
Schuldenstand explodiert
Alle westlichen Staaten sind bis zur Halskrause verschuldet. Die USA haben erst kürzlich die 40-Billionen-Grenze überschritten. Die Zinslast beträgt dort mehr als 1,2 Billionen Dollar pro Jahr. Das ist jetzt die zweitgrößte Haushaltsposition. Durch den Zinseszinseffekt geht es jetzt exponentiell weiter, je höher der Zinssatz, desto schneller und steiler der Anstieg.
In der EU ist vor allem Frankreich das akute Sorgenkind. Nach der über zehnjährigen Phase der Niedrig- und sogar Negativzinssätze ist die Party nun vorbei. Der Zinssatz für 30-jährige US-Staatsanleihen liegt bereits über 5,3 Prozent. In der Eurozone ist es noch nicht ganz so schlimm (s. Grafik).

Ich gehe hier jetzt nicht auf die Schuldenstände der einzelnen Staaten ein. Dazu kommt später ein eigener Beitrag. Erwähnen möchte ich heute nur, dass die offiziell ausgewiesenen Schulden in der Regel nur ein Drittel der Gesamtschulden darstellen. Die anderen zwei Drittel sind sogenannte implizite Schulden. Das sind Verpflichtungen der Staaten für zukünftige Pensionen, Renten, aber auch für EU-Gemeinschaftsschulden, an denen vor allem Deutschland einen großen Anteil hat..
Risiken steigender Zinssätze
- Buchverluste: Banken müssen Kursverluste in ihren Anleihebeständen nicht sofort in der Gewinn- und Verlustrechnung ausweisen, solange sie nicht verkaufen (Halte-bis-Endfälligkeit-Bestände). Das Verlustrisiko bleibt aber latent bestehen. Die Bundesbank warnt, dass die „überwiegende Mehrheit“ der deutschen Banken solche stillen Lasten in ihren Anleiheportfolios trägt. Doch nicht nur die, auch Institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionsfonds sind von Buchverlusten betroffen.
- Liquiditätsfalle bei Zwangsverkäufen: Wird eine Bank durch Einlagenabflüsse gezwungen, Anleihen vorzeitig zu verkaufen, muss sie diese mit Abschlag („Fire Sale“) verkaufen und realisiert damit reale Verluste. Das konnte man gut beim Kollaps der Silicon Valley Bank 2023 beobachten.
- Kreditrisiken im Bankensektor: Kreditnehmer mit variabler Verzinsung oder anstehender Anschlussfinanzierung tragen ein höheres Ausfallrisiko, was die Quote notleidender Kredite steigen lässt.
- Sinkende Aktienkurse: Höhere Diskontierungssätze senken den Barwert künftiger Unternehmensgewinne, was besonders Wachstums- und Technologiewerte trifft, deren Wertbeitrag stärker in der Zukunft liegt. Zusätzlich schmälern höhere Fremdkapitalkosten die Unternehmensgewinne direkt und dämpfen die beliebten Aktienrückkaufprogramme. Spekulative Investoren, die Aktien fremdfinanziert mit hoher Hebelwirkung (Leverage) kaufen, ziehen sich auch zunehmend zurück.
- Dämpfer auf den Immobilienmärkten: Bei steigenden Zinssätzen sinken finanzmathematisch automatisch auch die Immobilienpreise. Zudem senken sie die Kreditwürdigkeit privater Käufer und damit die tragbaren Kaufpreise. Auch Projektentwickler und Bauträger sehen sich höheren Finanzierungskosten gegenüber, was Neubauprojekte unwirtschaftlich machen kann. Besonders exponiert sind gewerbliche Immobilien: höhere Leerstände in Kombination mit steigenden Refinanzierungskosten erhöhen das Ausfallrisiko.
- Währungs- und Kapitalflusseffekte: Höhere Zinsen erhöhen tendenziell die Attraktivität einer Währung für Carry-Trades (Kredite in Ländern mit niedrigen Zinssätzen aufnehmen und in Ländern mit höheren Zinssätzen anlegen) und Kapitalzuflüsse, was zu einer Aufwertung führen kann. Für Schwellenländer mit Fremdwährungsverschuldung (meist US-Dollar) bedeutet ein globaler Zinsanstieg steigende Schuldendienstkosten und potenzielle Kapitalabflüsse in höher verzinste Industrieländer-Anlagen.
Politische Gegenreaktionen
Staaten und die sie unterstützenden Zentralbanken werden alles daran setzen, die Zinssätze nicht weiter steigen zu lassen und wieder nach unten zu “manipulieren”. Am kurzen Ende können Zentralbanken den Leitzinssatz direkt festlegen und stärker beeinflussen. Am langen Ende versagt aber ihre Macht. Sie können nur versuchen, mit einer Kontrolle der Zinskurve (Yield Curve Control - YCC) gegenzusteuern. Staaten flankieren dann häufig durch finanzielle Repression.
- Yield Curve Control (YCC): Eine Zentralbank kauft mit frisch geschöpften Geld aus dem Nichts aktiv Anleihen, um auch die Rendite langlaufender Papiere bei einem Zielwert zu halten. Diese Ankaufprogramme haben dann beschönigende und ablenkende Namen wie Quantitative Easing (quantitative Lockerung). Die Zinsfalle ergibt sich daraus, dass Anleihenkaufprogrammen durch Geldschöpfung die Inflation und Geldentwertung zu Lasten der Bürger erhöhen. Bleibt der Markt frei, dann sprengen steigende Zinssätze die öffentlichen Haushalte.
- Finanzielle Repression: Dazu gehört ein Bündel von Maßnahmen (z. B. Zinsobergrenzen, regulatorischer Zwang für Banken/Versicherer zum Halten von Staatsanleihen, Kapitalverkehrskontrollen), das die Nominalzinsen unter das Marktniveau drückt. In Kombination mit anhaltender Inflation führt das zu negativen Realzinsen, die faktisch als Steuer auf Sparer wirken und einen Vermögenstransfer von Gläubigern zu Schuldnern – insbesondere zum Staat – bewirken, wodurch die Schuldenquote im Verhältnis zum BIP sinkt, ohne dass echte Rückzahlung nötig wäre.
Es sieht ganz danach aus, dass wir diese finanziellen „Folterwerkzeuge“ der Allianz von Zentralbanken und Staaten in den nächsten Jahren hautnah erleben werden. Jeder Mittelständler und Anleger muss sich daher darauf angemessen vorbereiten, um sein Vermögen zu schützen.




