Zahlungsmoral sinkt

Mittelstand gerät unter Druck

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Dr. Michael A. Peschke

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Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

Die Deutschen leben derzeit in zwei Welten. Für alle, die im öffentlichen Dienst arbeiten oder eine gute Rente bzw. Pension erhalten, ist die Lage prima. Wer jedoch im harten Wind des Wettbewerbs der “freien” Wirtschaft arbeitet, spürt zunehmend die Wirtschaftskrise, die von vielen Politikern und Medien schöngeredet wird. Doch die harten Zahlen täuschen nicht. Dazu gehören auch Indikatoren der Zahlungsmoral.

Deutsche Unternehmen müssen wieder länger auf ihr Geld warten – und die Kluft zwischen Groß- und Kleinbetrieben wird dabei größer. Das zeigt der aktuelle Creditreform Zahlungsindikator Deutschland – Sommer 2026, für den rund vier Millionen überfällige Rechnungsbelege mit einem Volumen von 7,3 Milliarden Euro ausgewertet wurden.

1. Halbjahr 2026

Im ersten Halbjahr 2026 gewährten Lieferanten und Kreditgeber ihren Kunden im Schnitt ein Zahlungsziel von 32,21 Tagen. Das ist der höchste Stand seit 2019. Das sind 0,75 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum und gut zwei Tage mehr als noch 2023. Der Trend lässt sich generell mit der angespannten Wirtschaftslage erklären. Vor allem die sprunghaft gestiegenen Material- und Kraftstoffpreise infolge der Eskalation im Nahen Osten belasteten in den vergangenen Monaten viele Unternehmen, so dass ein Entgegenkommen der Lieferanten erforderlich wurde.

Von dieser Kulanz profitieren allerdings längst nicht alle gleich. Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten erhielten durchschnittlich 35,5 Tage Zahlungsziel – drei Tage mehr als 2023. Kleinunternehmen mussten sich dagegen mit lediglich 26,4 Tagen begnügen. Von der Ausweitung der Zahlungsfristen profitieren damit vor allem große, bonitätsstarke Abnehmer, die gegenüber ihren Lieferanten eine entsprechend starke Verhandlungsposition haben.

Zahlungsverzug steigt

Diese Ungleichheit schlägt sich auch im Zahlungsverzug nieder. Bei kleinen Unternehmen stieg die durchschnittliche Überfälligkeit auf 10,5 Tage (plus 0,8 Tage), bei mittleren Unternehmen sogar auf 10,7 Tage (plus 1,9 Tage) gegenüber dem Vorjahr. Großkunden mit mehr als 250 Mitarbeitern zahlten ihre Rechnungen hingegen mit durchschnittlich nur 6,7 Tagen Verspätung – sogar 0,20 Tage weniger als im Vorjahr. Kleine und mittlere Unternehmen stehen in der aktuellen Wirtschaftskrise damit unter besonderem Druck. Sie erhalten kaum längere Zahlungsziele und müssen gleichzeitig steigende Kosten schultern.

Insgesamt blieb der branchenübergreifende Zahlungsverzug mit 8,1 Tagen dennoch vergleichsweise niedrig, nach 7,9 Tagen im Vorjahreshalbjahr. Bis 2023 waren noch mehr als zehn Tagen üblich. Die längeren Zahlungsziele haben paradoxerweise zu kürzeren Verzugszeiten beigetragen.

Gesamteffekt

In der Summe stieg die gesamte Forderungslaufzeit – Zahlungsziel plus tatsächlicher Verzug – um einen Tag auf 40,4 Tage. Besonders lang warten Gläubiger bei Geschäften mit dem Baugewerbe, unternehmensnahen Dienstleistern und dem Einzelhandel. Damit liegt der Wert aber weiterhin deutlich unter dem Niveau von 2016 bis 2021, als er zeitweise mehr als 42 Tage betrug.

Vom Liquiditätsengpass zur Pleitewelle

Wo Zahlungsziele länger werden und Rücklagen schrumpfen, wird aus einem Liquiditätsproblem schnell ein Überlebensproblem. Genau das zeigt die zweite aktuelle Creditreform-Analyse zur Insolvenzlage in Deutschland: Im ersten Halbjahr 2026 meldeten rund 12.900 Unternehmen Insolvenz an – so viele wie seit 2013 nicht mehr, ein Anstieg von 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 

Besonders auffällig: Die Insolvenzen bei Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten legten um 28,6 Prozent zu – deutlich stärker als im Durchschnitt. Gleichzeitig scheitern immer mehr junge Firmen: Bei Unternehmen bis zwei Jahre stieg die Zahl der Pleiten um 25,3 Prozent. Der Dienstleistungssektor, in dem viele kleine Betriebe mit dünner Kapitaldecke von wenigen Auftraggebern abhängen, verzeichnete mit fast 7.900 Fällen einen Zuwachs von 12,6 Prozent und stellt inzwischen 61,2 Prozent aller Unternehmensinsolvenzen. Insgesamt sind rund 165.000 Arbeitsplätze betroffen, der wirtschaftliche Schaden beläuft sich auf etwa 28,5 Milliarden Euro.

Für den Mittelstand ergibt sich daraus eine strukturell erhöhte Ausfallgefahr entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Wer Zahlungsziele nicht aktiv steuert, Bonitäten von Kunden und Lieferanten nicht laufend prüft, Klumpenrisiken bei wenigen Großkunden nicht abbaut und Kostenblöcke nicht flexibilisiert, läuft Gefahr, selbst zum nächsten Insolvenzfall zu werden.

Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

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