Flucht in die Rente

Arbeitnehmer opponieren gegen die Politik

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Dr. Michael A. Peschke

Herausgeber und Portalbetreiber

Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

Über 50 Prozent der Arbeitnehmer plant nach einer jüngsten DAK-Studie die vorzeitige Flucht in die Rente. Damit konterkarieren sie die politischen Maßnahmen, die gerne als Rentenreform verkauft werden.

Vorbemerkungen

Immer mehr Menschen in Deutschland spüren, dass das aktuelle Wirtschaftsmodell mit seinem Sozial- und Rentensystem nicht mehr das ist, was es in den Boom-Jahren der deutschen sozialen Marktwirtschaft nach Ludwig Ehrhard war. Das Versprechen „Wohlstand für alle“ wurde in Deutschland spätestens mit der Euro-Einführung und der Abschaffung der stabilen DM gebrochen. Die Finanzkrise 2008 und die Migrationswelle ab 2015 haben diesen Bruch beschleunigt. 

So ist der Wert des Euro seit Einführung 2002 gegenüber dem Schweizer Franken um über 40 Prozent und gegenüber dem echten Wertanker Gold sogar um rund 90 Prozent gesunken. Ohne das Aufblähen des Staates und der Rüstungsausgaben würde das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland aktuell schrumpfen. Hinzu kommt eine Inflationsrate, die für die meisten Menschen nicht nur gefühlt deutlich höher ist als die geschönten Zahlen des offiziellen Verbraucherpreisindex suggerieren.

Die Sozialsysteme mussten in den vergangenen Jahrzehnten die Wiedervereinigung und die Plünderung durch die Politik (versicherungsfremde Leistungen) verkraften. Seit 2015 beschleunigt die unkontrollierte Migration das Ausbluten der Gesundheits- und Rentenkassen. Die Baby-Boomer, die bis 2030 in Massen in die Rente gehen, werden das Schneeballsystem im nächsten Jahrzehnt kollabieren lassen, wenn es bis dahin nicht zu drastischen Maßnahmen kommt. Jeder kann das mit einfachen Grundrechenarten selber nachprüfen. Die aktuell diskutierten Rentenreformen sind daher nur ein Tropfen auf den heißen Stein und ein Ablenkungsmanöver. Wer liest sich schon 33 Punkte durch.

Jeder spürt, dass das so nicht weitergehen kann. Viele verdrängen das und lenken sich mit „Brot und Spiele“ ab. Nur wenige wagen Kritik, die meist sofort als rechts diffamiert wird. Immer mehr gut ausgebildete deutsche Bürger verlassen daher jedes Jahr Deutschland. 2025 waren es 288.000. Sie haben die Nase voll.

Vor diesem Hintergrund verwundert eine aktuelle DAK-Studie nicht.

DAK-Umfrage schockt

Der DAK-Gesundheitsreport 2026 hat ergeben, dass die Mehrheit (52 Prozent) der Beschäftigten nicht bis zur regulären Altersgrenze arbeiten möchte. Sie würden lieber heute als morgen in die Rente flüchten.

Entscheidend ist dabei der Gesundheitszustand: 60 Prozent der gesundheitlich beeinträchtigten Beschäftigten wollen vorzeitig aussteigen, gegenüber immerhin noch 49 Prozent der Gesunden. Wer wenig Anerkennung für sein Erfahrungswissen erhält, plant ebenfalls häufiger den Ausstieg (55 vs. 49 Prozent) – ein Hinweis, dass die Betriebskultur, nicht nur die Belastung, über den Verbleib entscheidet.

Auch andere ältere Studien unterstützen diese Ergebnisse. Die Menschen sind erschöpft von den Arbeitsbedingungen – und misstrauisch gegenüber dem Versprechen, dass sich längeres Arbeiten lohnt.

Der politische Bruch

Genau in diesem Moment schlägt die Politik den entgegengesetzten Kurs ein. Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission hat am 23. Juni 2026 ihren Bericht mit 33 (!) Empfehlungen vorgelegt: Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung ab 2032, Abschaffung der abschlagsfreien "Rente mit 63" nach 45 Beitragsjahren, dazu eine kapitalgedeckte Zusatzrente.

Verschärft wird der Bruch durch die Rhetorik des Bundeskanzlers Friedrich Merz. Statt die Erschöpfung der Beschäftigten anzuerkennen, wiederholt er seit Mai 2025 in immer neuen Varianten den Vorwurf mangelnden Einsatzes: "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können", erklärte er z. B. beim CDU-Wirtschaftstag. Vor der IHK Halle-Dessau legte er im Januar 2026 nach: "Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug" – man müsse "durch Mehrarbeit, durch mehr Leistung eine höhere volkswirtschaftliche Leistung" erbringen.

Es ist schon erstaunlich, wie die arbeitende Bevölkerung jetzt als Buhmann aufgebaut wird, um auch die Fehlleistungen der Politik zu kaschieren.

Warum die Geduld schwindet

Ein wesentlicher Treiber wird in der Debatte oft ausgeblendet: Arbeit lohnt sich in Deutschland immer weniger. Laut OECD-Bericht "Taxing Wages 2026" liegt die Steuer- und Abgabenlast eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners bei 49,3 Prozent – nur Belgien liegt höher, der OECD-Schnitt beträgt lediglich 34,9 Prozent. Fast jeder zweite Euro des Gesamtlohns fließt damit an den Fiskus und die Sozialversicherung, bevor er auf dem Konto ankommt. Wer länger arbeitet, zahlt zudem schnell den Spitzensteuersatz von 42 Prozent, der bereits bei rund 68.500 Euro Jahreseinkommen greift. 

Vor diesem Hintergrund erscheint die politische Erwartung, Beschäftigte sollten aus reiner Vernunft länger arbeiten, vielen als zynisch: Mehr Lebensarbeitszeit bedeutet vor allem mehr Abgaben, nicht mehr Wohlstand – zumal die Rente selbst zunehmend gekürzt oder mit Abschlägen versehen werden soll.

Hinzu kommt eine tiefere, politische Erschöpfung. Nach den vielen Krisenjahren und Politiklügen hat ein Großteil der Bevölkerung innerlich mit der Politik abgeschlossen. Laut einer INSA-Umfrage für die Nachrichtenagentur IDEA sagen 56 Prozent der Deutschen, sie hätten das Vertrauen in die Politik komplett verloren – 14 Prozentpunkte mehr als 2021. Im ARD-DeutschlandTrend sind zeitweise nur 13 bis 15 Prozent mit der Bundesregierung zufrieden, Rekordtiefstwerte seit Bestehen der Erhebung. 

Diese Resignation bleibt nicht folgenlos: Laut der Studie "Jugend in Deutschland 2026" denkt bereits jede fünfte junge Person ernsthaft ans Auswandern. Wer nicht auswandern kann oder will, zieht sich innerlich zurück – und der frühe Renteneintritt wird zur einzig verbliebenen, legalen Form des Ausstiegs aus einem System, dem man nicht mehr zutraut, die eigene Lebensleistung zu würdigen.

Einordnung: Zwei Realitäten, ein Konflikt

Der DAK-Report entlarvt damit eine politische Fiktion: Die Vorstellung, man könne per Gesetz und Anreizsteuerung ein kollektives Bedürfnis nach früherem Ausstieg wegregulieren, ohne die zugrunde liegenden Arbeitsbedingungen zu verändern. Solange Wertschätzung fehlt, Arbeitsverdichtung zunimmt und Gesundheit auf der Strecke bleibt, wird die "Flucht in die Rente" kein Randphänomen bleiben – sie wird zur stillen, aber messbaren Form des Widerstands gegen eine Rentenpolitik, die an der Belegschaft vorbeigeplant wird.

Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

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