Realer Ölpreisverfall

Warum werden Benzin und Diesel dann teurer?

iStock, Rasi Bhadramani
Dr. Michael A. Peschke

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Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

Die übersehene Zahl: Über den Ölpreis wird seit Monaten in den Schlagzeilen berichtet. Eine Zahl kommt dabei kaum vor: Rohöl ist real rund 35 Prozent preiswerter als 2011. Damals kostete ein Barrel Brent über 110 Dollar. Mit der Inflation umgerechnet wären das heute gut 160 Dollar. 

Aktuell notiert Brent trotz des Iran-Kriegs bei etwa 105 Dollar. Die Grafik zeigt: Der reale Ölpreis bewegt sich in einem Abwärtskanal, und der Kriegsaufschlag ist bisher nur eine Delle. In Gold gemessen liegt der Ölpreis heute sogar unter 10 Dollar.

Zu viel Öl im Markt

Der Grund ist ein Angebot, das schneller wächst als die Nachfrage. 2025 lag das weltweite Angebot im Schnitt bei 1,4 Mio. Barrel pro Tag über dem Verbrauch, im zweiten Halbjahr sogar bei über 2 Millionen. Für 2026 erwartete die Internationale Energieagentur (IEA) im Februar einen Überschuss von 3,7 Mio. Barrel pro Tag. Im Dezember 2025 fiel Brent auf unter 59 Dollar.

Dann kam der Iran-Krieg und blockierte die Straße von Hormus. Der Überschuss wurde von außen künstlich verknappt. Die IEA erwartet bis Jahresende ein Defizit. Für 2027 rechnet sie aber wieder mit bis zu 5 Mio. Barrel Überschuss pro Tag. Die Knappheit beim Rohöl ist also geopolitisch und vorübergehend, nicht strukturell.

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Der Crack-Spread explodiert

An der Zapfsäule spürt man davon wenig. Diesel kostet in Deutschland rund 2,30 Euro je Liter, obwohl der Staat die Energiesteuer gesenkt hat. Der Treiber ist nicht das Rohöl, sondern der Crack-Spread. Das ist der Abstand zwischen dem Preis von Diesel und dem des Rohöls, aus dem er gemacht wird. In den USA stieg er von 29 Dollar im Januar auf 108 Dollar je Barrel im September. In Europa lag er über 95 Dollar, so hoch wie nie seit Beginn der Bloomberg-Daten 2011.

Im Januar kostete Diesel laut ADAC im Schnitt 1,69 Euro, im September 2,39 Euro – der teuerste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen. Nur rund 22 Cent des Anstiegs gehen dabei auf das teurere Rohöl zurück, rund 45 Cent auf die höhere Raffineriemarge.

 

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Warum Diesel knapp ist

Das Problem ist nicht zu wenig Öl, sondern zu wenige Raffinerien, die es verarbeiten können. Drohnenangriffe auf russische Raffinerien und der Ausfall von Anlagen am Golf haben weltweit Produktionskapazität vom Markt genommen. Europa ist ohnehin auf Dieselimporte angewiesen. Exportbeschränkungen für russische Ölprodukte und gestörte Lieferungen aus Nahost halten die Margen hoch. Die europäischen Dieselvorräte sind binnen zwölf Monaten um rund 23 Prozent gefallen.

Wer profitiert

Gewinner sind die Raffinerien. So meldet z. B. Shell eine Raffineriemarge von 42 Dollar je Barrel, nach 11,60 Dollar im Vorjahr. Kein Wunder, dass die Aktien europäischer Ölkonzerne in diesem Jahr um 40 bis 87 Prozent gestiegen sind. Laut EZB macht die Dieselmarge inzwischen rund 41 Cent je Liter aus. Der Staat verdient dabei über die Mehrwertsteuer kräftig mit. 

Folgen für die Weltwirtschaft

Verlierer dieser Entwicklung und Umverteilung sind mittelständisch geprägte Speditionen, Landwirte, Bauunternehmen, aber auch Fluggesellschaften: Sie können kaum auf andere Energieträger ausweichen. Diesel ist der Treibstoff des Güterverkehrs, der Landwirtschaft und der Industrie. 

Hohe Margen erhöhen die Transport- und Lebensmittelpreise und halten die Inflation hoch. Die IEA erwartet, dass die Ölnachfrage 2026 um 2,6 Mio. Barrel pro Tag sinkt, weil hohe Preise und eine schwächere Konjunktur bremsen. Goldman Sachs rechnet noch bis Ende 2027 mit Dieselmargen von 49 Dollar in Europa. 

Für die Zentralbanken ist das ein Dilemma: Die Inflation aus der Raffinerie lässt sich mit Zinsen nicht beheben, aber Zinssenkungen werden schwieriger. Am stärksten trifft es Importländer im globalen Süden, die Diesel in Dollar bezahlen und gleichzeitig mit schwachen Währungen kämpfen. Die eigentliche Lehre: Billiges Rohöl ist kein billiger Treibstoff. Selbst wenn Rohöl weiter günstiger wird, bleibt Diesel teuer, solange die Raffineriekapazität fehlt.

Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke

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