Der Euro hat seit Einführung vor 25 Jahren nach offizieller Inflationsmessung rund 45 Prozent an Wert verloren. Das ist eine stille Enteignung der Sparer. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, weil der Verbraucherpreisindex statistisch kleingerechnet wird. Hier eine Analyse dazu.
Aktuelle Inflationszahlen
Im September 2026 stiegen die Verbraucherpreise im Euroraum laut Eurostat um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und um 0,6 Prozent gegenüber August. In Deutschland lag die Inflationsrate bei 3,3 Prozent, beim nationalen Verbraucherpreisindex ebenso wie beim harmonisierten Index. Das ist ebenfalls ein Plus von 0,6 Prozent zum Vormonat. Das ist der höchste Wert seit Dezember 2023. Die Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie blieb mit 2,4 Prozent stabil. Den Anstieg trieben vor allem Kraftstoffe und Heizöl.
Auf den Vorstufen ist der Preisdruck deutlich höher. Die deutschen Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen nach Angaben von Destatis im September um 6,7 Prozent über dem Vorjahr und um 1,9 Prozent über dem Vormonat, so stark wie seit März 2023 nicht mehr. Der hauptsächliche Treiber war die Energie mit +14,9 Prozent, Mineralölerzeugnisse verteuerten sich sogar um 51,3 Prozent. Ohne Energie stiegen die Erzeugerpreise immerhin noch um 3,2 Prozent.
Die Importpreise für September liegen noch nicht vor. Im August waren sie um 8,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor, der stärkste Anstieg seit Dezember 2022, ohne Energie waren es 5,1 Prozent.
Weil die Vorstufenpreise etwa doppelt so schnell steigen wie die Verbraucherpreise, dürfte in den kommenden Monaten weiterer Preisdruck bei den Verbrauchern ankommen. Wo sich Preissteigerungen am Markt nicht durchsetzen lassen, dürften sich die Gewinne der Unternehmen weiter reduzieren bzw. die Verluste (bei einigen) weiter erhöhen.
Inflation seit 2000
Die nachstehende Grafik zeigt den Wertverlust des Euro seit Einführung. Nach Zahlen von Eurostat stieg der Verbraucherpreisindex des Euroraums von Januar 2000 bis September 2026 von 58,35 auf 104,31 Punkte. Das sind rund 45 Prozent Kaufkraftverlust oder im Schnitt 2,2 Prozent Inflation pro Jahr. Unverzinste 100.000 Euro von 2000 kaufen heute nur noch Waren im Wert von etwa 56.000 Euro von damals. Um die Kaufkraft zu halten, bräuchte man heute rund 178.800 Euro. Der Euro hat gegenüber dem Schweizer Franken fast genau diesen Wert eingebüßt, gegenüber Gold sogar über 90 Prozent.
Wenn die EZB eine Inflationsrate von 2 Prozent sogar als offizielles strategisches Ziel ausgibt, ist also Vorsicht geboten. Ihre ureigenste Aufgabe ist es, für Geldwertstabilität zu sorgen. 2 Prozent bedeutet eine Halbierung des Geldwertes in 35 Jahren. Für die Begründung der EZB (z. B. Vermeidung von Deflation) gibt es keine ökonomische Grundlage. Es geht in Wahrheit vermutlich um die Verschleierung der zerstörerischen Wirkung des kreditbasierten Fiat-Geldsystems.

Was wird gemessen?
Der Begriff Inflation stammt vom lateinischen Wort inflatio ab und bedeutet auf Deutsch „Aufblähen“. Er sagt eigentlich aus, wie sich die Geldmenge in einer Volkswirtschaft erhöht. Inflation ist daher streng genommen vom Verbraucherpreisindex (VPI) zu unterscheiden, der eine künstlich geschaffene statistische Größe ist und vorgibt, die Preisentwicklung über einen durchschnittlichen Warenkorb zu messen.
Das ist aber konzeptionell eine Fiktion, da die Warenkörbe der Verbraucher je nach Wohnort, Einkommen, Vermögen und persönlichen Präferenzen unterschiedlich ist. Es ist genauso unsinnig, wie eine durchschnittliche Welttemperatur zu messen.
Statistische Tricks
Die Berechnung und ständige Anpassung des VPI wird von vielen Ökonomen seit langer Zeit kritisiert, u.a. von Prof. Gunther Schnabl. Mehrere Rechenverfahren – methodisch begründet, aber in der Wirkung fast immer preisdämpfend – lassen die ausgewiesene Inflation niedriger erscheinen, als sie sich im Portemonnaie anfühlt. Ein zu niedrig ausgewiesener VPI sorgt dafür, dass die Löhne und Renten langsamer steigen als sie eigentlich real zum Inflationsausgleich müssten. Das Ergebnis dieser jahrelangen Praxis der Aushöhlung sehen wir gerade überall.
Hier die wichtigsten Mechanismen der Manipulation, einfach erklärt.
Der Ersatzgüter-Trick: Wird Rindersteak zu teuer, beobachten die Preiserheber irgendwann lieber Hähnchenschenkel, weil die jetzt öfter gekauft werden. Der Index misst dann den Preis des billigeren Ersatzes – nicht das, was man eigentlich wollte, sich aber nicht mehr leisten kann. Die Statistik zeigt Stabilität, obwohl der Lebensstandard gesunken ist.
Die Gewichte wandern genau dann, wenn es passt: Welchen Anteil eine Warengruppe insgesamt am Index hat, wird zwar nur alle fünf Jahre neu festgelegt. Aber auf der Ebene der einzelnen Produkte innerhalb einer Gruppe passt Destatis laufend an, welches konkrete Produkt beobachtet wird – und genau das reagiert auf Kaufverhalten. Wird Markenbutter zu teuer und die Kunden greifen vermehrt zur Eigenmarke oder zu Margarine, verliert die Butter „an Marktbedeutung“ und wird im Erhebungssystem gegen das billigere Produkt ausgetauscht, das dann fortan den Preis der Gruppe repräsentiert. Der Mechanismus greift also nicht zufällig, sondern fast immer in die Richtung, dass teurer gewordene Güter aus dem beobachteten Warenkorb herausfallen und billigere nachrücken – bevor die nächste reguläre Fünf-Jahres-Revision überhaupt ansteht.
Der Technik-Bonus (hedonische Bereinigung): Ein neuer Laptop kostet 1.200 statt 1.000 Euro, hat aber einen schnelleren Chip. Rechnerisch gilt er dann teilweise als „eigentlich billiger geworden“, weil die Mehrleistung vom Preisanstieg abgezogen wird. An der Kasse zahlt man trotzdem 200 Euro mehr – der Index zeigt aber einen kleineren Anstieg. Qualitätsverschlechterung, wie wir sie aktuell auch im Kundenservice überall erleben, wird dagegen nicht preissteigernd gewertet.
Die Fantasie-Miete für Eigenheimbesitzer: Wer im eigenen Haus wohnt, zahlt keine Miete. Trotzdem unterstellt das Statistische Bundesamt eine gedachte Miete, orientiert an normalen Mietverträgen in der Umgebung. Steigen Immobilienpreise oder Bauzinsen stark, wie zwischen 2021 und 2023, spürt der Index das kaum – er folgt nur der Miet-Fantasie, nicht dem tatsächlichen Kaufpreis oder der Kreditrate.
Alte Gewichte, neue Realität: Wie stark Benzin, Miete oder Urlaub in den Gesamtindex einfließen, wird nur alle fünf Jahre neu festgelegt – und die zugrunde liegende Haushaltsbefragung ist bei Einführung schon zwei Jahre alt. Schießen Energiepreise plötzlich in die Höhe, wie 2022, rechnet der Index noch Jahre mit den Konsumgewohnheiten von vorgestern.
Die Bagatell-Grenze: Ausgabenposten, die weniger als ein Promille des Gesamtbudgets ausmachen, fließen gar nicht in den Warenkorb ein. Seltene, aber teure Anschaffungen – etwa bestimmte Reparaturen oder Sonderposten – fallen so komplett unter den Tisch, egal wie stark sie sich verteuern.
Die Mogelpackung (Shrinkflation): Die Schokoladentafel schrumpft von 100 auf 85 Gramm, der Preis bleibt gleich – eine versteckte Preiserhöhung von über 15 Prozent pro Kilo. Solche stillen Verkleinerungen werden oft erst mit Verzögerung sauber erfasst, weil sie im Gegensatz zu offenen Preisschildänderungen leicht übersehen werden.
Den Durchschnittshaushalt gibt es nicht: Wie oben bereits betont, bildet der Index einen fiktiven Durchschnittskonsumenten ab. Wer wenig verdient, gibt aber einen viel größeren Anteil seines Einkommens für Energie und Lebensmittel aus – ausgerechnet die Kategorien, die zuletzt am stärksten stiegen. Für ärmere Haushalte fühlt sich die Inflation deshalb systematisch höher an, als der offizielle Durchschnittswert zeigt.
Das Ergebnis
Studien zeigen die Kluft schwarz auf weiß: 2024 lag die gefühlte Inflation laut einer IW-Köln-Befragung bei durchschnittlich 15,3 Prozent, gemessen wurden offiziell nur 2,2 Prozent. Jeder einzelne Rechenschritt ist für sich genommen fachlich begründbar – Ökonomen streiten seit Jahrzehnten über die richtige Methode. In der Summe drücken sie den Index aber fast immer in dieselbe Richtung: nach unten.
Diplom-Ökonom Dr. Michael A. Peschke



